„Mal verliert man …“

… und mal gewinnen die Anderen“, so mutmaßte einst Otto Rehagel. Und manchmal muss der gemeine Krankenwagen-Beifahrer feststellen, dass an diesem verbalen Ausdruck kognitiver Höchstleistung auch wirklich ein Quäntchen Wahres dran ist. So geschehen heute.

Es wurde langsam Mittag in meiner KTW-Schicht, der Magen mahnte allmählich an „Nachfüllen bitte!“, doch die Leitstelle hatte leider andere Pläne für uns. Eine Fernfahrt von der Ambulanz der hiesigen Uniklinik nach Hause in eine etwas mehr als eine Fahrtstunde entfernte Stadt. Auf dem Melder zu lesen: der Name des Patienten (ich schreibe allgemein von „dem Patienten“ – das sagt aber nichts darüber aus, welchem Geschlecht diese Person angehörte – Datenschutz und so … ), die Auftragsnummer, der Einsatzort, also die Ambulanz, das Transportziel, also der Wohnort des Patienten, die Uhrzeit der Alarmierung … und ein kleiner, unscheinbarer, aber folgenreicher Zusatz: eine kurze Kombination von drei Großbuchstaben verriet uns: oh oh … Infektionsfahrt.

Nun sind Infektionsfahrten im Alltag des Krankenwagen-Beifahrers nichts außergewöhnliches. Bei uns im Land springen die inzwischen Medien-bekannten „Klinikkeime“ ja nur so durch die Gegend – sollte man zumindest meinen. MRSA, ESBL, MRGN, VRE und wie sie alle heißen – Alltag im Krankentransport. Nur gehören solche Fahrten nicht gerade zu den beliebtesten, muss doch während des Transportes Schutzkleidung getragen werden und danach das gesamte Fahrzeug desinfiziert werden (und so ein KTW hat verdammt viele Ecken, Kanten und Fugen).

Mein Kollege und ich schnappen und also jeder ein Infektionsschutz-Set aus dem Fahrzeug, mein Kollege nimmt den Tragestuhl und so tapern wir denn unserer Bestimmung entgegen. In der Ambulanz angekommen: erst einmal verkleiden. Das Infektionsschutz-Set besteht aus einem Schutzkittel, einer Mund-Nasen-Schutzmaske, Handschuhen und einer Kopfhaube. Wenn man so durch die Klinikflure läuft, meint der ein oder andere derzeit sicher, Ebola sei nun auch in meiner Heimatstadt angekommen.

Ich stelle mich also bei der Patientin oder dem Patienten (spielt keine Rolle) vor und sage ihm/ihr, dass wir sie/ihn nun wieder nach Hause fahren. Wir helfen ihm/ihr (… ich wollte eigentlich nur von DEM Patienten schreiben … ) vom Rollstuhl in unseren Tragestuhl umzusteigen was ihm sichtlich schwer fällt. Am Fahrzeug angekommen steige ich zum Patienten hinten ein und mein Kollege fährt los.

Ich vergaß vorhin einen weiteren Nachteil von Infektionsfahrten zu erwähnen: Damit später nur der Patientenraum desinfiziert werden muss, wird während der Fahrt das Verbindungsfenster zwischen Patientenraum und Fahrerkabine geschlossen und die Lüftung im Patientenraum abgeschaltet. Da heute nach Wochen einmal wieder richtig schönes Wetter war, heizt sich natürlich bei fehlender Luftzufuhr der Patientenraum langsam auf … im Infektionsschutz ein klimatisches Erlebnis. Innerlich macht sich in mir Erleichterung breit, als wir in die Straße einbiegen, in der der Patient wohnt. Seitentür auf … frische Luft, zumindest halbwegs; da war ja noch der Mundschutz. Der Blick auf das Haus mit der entsprechenden Hausnummer lässt die Erleichterung jäh in Ernüchterung umschlagen: ein Mehrfamilienhaus mit 5. Stockwerken. Ich frage den Patienten (der noch dazu nicht gerade zu den schlanksten seiner Art gehört) in welchem Stock er denn wohnt (auch wenn ich die Antwort schon längst befürchte zu kennen): ganz oben! Klar wie hätte es auch anders sein können. Ich schließe die Tür auf. Aufzug? Warum mache ich mir die Hoffnung überhaupt? Nein, natürlich nicht vorhanden.

Was folgt muss hätte für Außenstehende wahrscheinlich ein etwas befremdliches Bild abgegeben: zwei junge Männer tragen, bekleidet mit einem gelben Kittel, einem Mundschutz, Handschuhen und einer Kopfhaube, eine Person in den fünften Stock eines Wohnhauses. Oben angekommen, der Rücken jubelt, aber einmal mehr den Patienten heil nach Hause gebracht. Und letzten Endes kommt es doch eigentlich genau darauf an.

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