Neuroanatomie – ein weites Feld

Hoffentlich kein zu weites Feld, um das geflügelte Wort von Effi Briests Vater aus Theodor Fontanes „Die Qual im Oberstufen-Deutschunterricht“, besser bekannt unter dem Namen „Effi Briest“, zu bemühen.

Es geht mit großen Schritten auf das letzte Präp-Kurs-Testat zu, ein schriftliches zum Abschluss. In 30 MC-Fragen wird in weniger als 1,5 Wochen unser Wissen zum Thema ZNS auf die Probe gestellt werden.

ZNS ist zwar – wie schon gesagt – ein weites Feld, aber auch ein ziemlich spannendes, obwohl – oder gerade weil – es noch so wenig erforscht ist. Beim Lernen stoße ich regelmäßig auf Formulierungen wie „Die Funktion von XY ist noch nicht genau belegt“ oder „Es wird vermutet, dass …“ Hier gelangen wir jetzt also langsam an Grenzen, an denen die bloße Lehre aufhört und Forschung beginnt. Genauso interessant am ZNS ist, dass man endlich Dinge versteht, die man zuvor in Physio oder Anatomie schnöde auswendig gelernt hatte, z.B. warum genau beim Pupillenreflex auch die Pupille kleiner wird, in die kein Licht einstrahlt. Oder warum es bei einer halbseitigen Schädigung des Rückenmarks zu einer so genannten dissoziierten Empfindungsstörung kommen kann, d.h. die protopathische Sensibilität (Druck-, Temperatur- und Schmerzempfindung) fällt auf der der Schädigung gegenüberliegenden Seite aus, während die epikritische Sensibilität (feine Tastempfindung, Vibration) auf der Seite der Schädigung ausfällt. Das heißt in der Praxis, der Patient würde bei einer linksseitigen Schädigung des Rückenmarks z.B. am rechten Bein keine groben Berührungen, Temperatur oder Schmerzen mehr spüren, sehr wohl aber Vibration. Am linken Bein wäre es entsprechend anders herum.

Was ZNS von den bisherigen Teile des Präpkurses unterscheidet ist, dass das Lernen nicht mehr hauptsächlich aus Telefonbuch-artigem Auswendiglernen besteht, wie es bei den Muskeln mit Ansatz, Ursprung, Innervation und Funktion oder bei den Gefäßen zu großen Teilen der Fall. Ich denke, ZNS muss man verstehen, sonst machen die unzähligen Bahnen und Faserbündel, die innerhalb des Gehirns, vom Gehirn ins Rückenmark und vom Rückenmark ins Gehirn ziehen keinen Sinn.

Jetzt wo der Präpkurs langsam aber sicher zu Ende geht – Montag und Dienstag sind die letzten beiden Kurstage – stellt sich tatsächlich so etwas wie Wehmut ein. Ich habe mir neulich mal wieder meine Artikel „Happy Birthday“ und „Erster Präpkurs-Tag“ vom Oktober 2014 zum Start des Präpkurses durchgelesen, mich an die Gefühle und Eindrücke erinnert, die ich damals hatte. Das war alles so neu und völlig ungewohnt. Der Umgang mit einem toten Menschen ist das eine, seinen Körper zu eröffnen, in in seiner Unversehrtheit zu verletzen, solange bis von ihm nur noch Knochen, Muskeln, Nerven, Blutgefäße und Eingeweide übrig bleiben, ist etwas ganz anderes. Doch das alles ist im Laufe der Wochen auf erschreckend schnelle Art und Weise natürlich geworden und hatte nach nur wenigen Stunden sein Abstoßendes, Unheimliches verloren.

Dennoch – bei aller wissenschaftlicher Sachlichkeit in der kühlen, Formalin-gesättigten Atmosphäre des Präpariersaals – ist unsere Körperspenderin auch nach den fast vier intensiven, anstrengenden Monaten, die wir zusammen mit ihr verbracht haben, immer noch das, was sie auch ganz am Anfang des Kurses gewesen war: Ein Mensch, um den Familie und Freunde getrauert haben oder es noch immer tun, der die schönen und schlimmen Seiten des Lebens gesehen und durchlebt hat.

Das Geschenk, das sie uns Medizinstudenten dadurch gemacht hat, dass sie ihren Körper nach ihrem Tod uns und unserer Ausbildung zu Verfügung gestellt hat, erfüllt mich mit Dankbarkeit und Ehrfurcht. Jedoch ist das ein anderes Thema, dem ich mich demnächst, wenn alles vorbei ist, in einem eigenen Artikel widmen werden.

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Wie die Zeit vergeht

Es ist vollbracht. Das letzte mündliche Präp-Kurs-Testat ist bestanden! Es hätte zwar besser laufen können, aber abgehakt. Apropos abgehakt. Haken machte meine Prüferin auch gern.

Das Testat begann wie alle mündlichen Testate bisher mit fünf anatomischen Strukturen, die ich am Körperspender zeigen musste. Diese waren nicht sonderlich schwer und deshalb kein Problem. Danach ließ mich die Prüferin die Fossa pterygopalatina (bekannterweise ein seeeehr beliebtes Thema bei ihr) rauf- und runterbeten. Mit allen knöchernen Begrenzungen, allen Öffnungen (und den jeweiligen Schädelhöhlen mit denen die Fossa pterygopalatina durch ihre Öffnungen in Verbindung steht, alle Strukturen, die durch diese Löcher hindurchtreten (Arterien, Venen und Nerven mit all ihren Aufzweigungen). Dort kam ich dann leider irgendwann etwas ins Straucheln.

Nun zum Ganglion pterygopalatinum, einem Ganglion in eben jener Fossa, die wir gerade schon durchgekaut hatte. Wo kommen die präganglionären Fasern her, die zum Ganglion ziehen, welche werden am Ganglion umgeschaltet, welche nicht, wo ziehen die postganglionären Fasern hin und was innervieren sie. Das lief dann wieder deutlich besser. Nach 10 Minuten klingelte ihre Stoppuhr, normalerweise wäre das Testat jetzt zu Ende gewesen. Problem: Sie hatte mich aber ja erst zu einem großen Thema ausgefragt (das allerdings detailliert). Also noch einmal eine Frage: „Zählen Sie mir bitte die äußeren Zungenmuskeln auf, mit Ursprung, Ansatz, Innervation und Funktion.“ Ich war erleichtert. Das war ein Thema, was mein einfach runterleiern konnte. Und so bekam ich dann nach ca. 15 Minuten Testat (ungewöhnlich lang) mitgeteilt, dass ich bestanden hatte.

Und warum mag die Prüferin jetzt Haken, mag sich der ein- oder andere fragen? Die Prüfungsatmosphäre war ähnlich angenehm wie bei meinem Situs-Testat: ruhig, entspannt, freundlich, keine einzige unfaire Frage. Der Unterschied zum letzten Testat lag im Prüfungsmodus. Während mein Prüfer beim letzten Mal ein Fan von offenen Fragen war, über die man Minuten lang aus dem Bauch heraus referieren und sein Wissen zeigen konnte, hatte die Prüferin bei diesem Testat eine genaue Liste von Aspekten, die sie hören wollte. Und Punkte gab es nur, wenn sie ein Thema auf ihrer Liste abhaken konnte. Alles was man sonst noch wusste, war zwar schönes Beiwerk, half aber nichts.

Aber sei’s drum. Trotzdem bin ich meiner Prüferin für das Testat dankbar. Es war eine Prüfung, die gut zu bestehen war, wenn es vielleicht auch schwierig war, eine sehr gute Note zu bekommen.

Inzwischen hat die Vorbereitung auf die letzte Prüfung in diesem Semester begonnen: das schriftliche ZNS-Testat. Immerhin: Der Lernzielkatalog ist wieder etwas geschrumpft. Von 16 zurück auf 14 Seiten. Aber das sind jetzt noch einmal 2,5 Wochen am Riemen Reißen und dann ist das Semester fast vorbei. Noch 1,5 Wochen Blockseminare, aber ohne Note, ohne Klausur. Also sehr entspannt.

Unglaublich, wie schnell dieses Semester wieder vergangen ist. Es ging wirklich Schlag auf Schlag, ein Testat nach dem anderen. Insgesamt 12 dieses Semester bisher, und schon sind vier Monate rum. Und in nicht mehr ganz acht Monaten steht das Physikum an.

Bevor ich mir jetzt aber anfange Gedanken über das Physikum zu machen: Das kommende Wochenende ist endlich mal wieder eines zum genießen und zum Spaß haben. Morgen geht es wieder einmal mit den Kollegen vom DRK zum Nachtrodeln, was so viel heißt wie: hunderte Verrückte stürzen sich mit einem normalen Holzschlitten unter Flutlicht eine rote Skipiste runter und versuchen heil unten anzukommen. Letztes Jahr musste dieser Ausflug leider wegen schlechter Pistenverhältnisse ausfallen (auf Gras rodelt sich’s einfach schlecht) – dieses Jahr sieht es wieder gut aus.

Und wenn wir das Nachtrodeln unbeschadet überstanden haben, steht am Sonntag gleich noch der erste große San-Dienst des Jahres beim örtlichen Narrenumzug an. (Und nein, ich meine keine PEGIDA-Demonstration, auch wenn diese ungefähr den gleichen Inhalt haben. 😉 Aber PEGIDA gibt’s in meiner Heimatstadt zum Glück noch nicht)

Ich freu mich drauf.

In 15,5 Stunden …

Zugegeben: Es war etwas still geworden hier. In meinem letzten Artikel hatte ich euch frohe Weihnachten und einen guten Rutsch gewünscht. Ich hoffe ihr konntet die Feiertage genießen und seid erfolgreich in das neue Jahr gestartet.

Nun ist das ganze aber auch schon wieder eine ganze Weile her, in der ich mich nicht gemeldet habe. Was ist seit dem passiert?

Zum einen waren Thea und ich Skifahren. In Davos Klosters dieses Mal und wieder einmal haben wir einen tollen Tag auf den Pisten verbracht. Im Laufe des Vormittags verschwanden die zunächst noch herumhängenden Wolken und gaben den Blick auf einen strahlend blauen Himmel frei, was jedoch leider dazu führte, dass die Pisten auf dem Süd-Ost-Hang relativ schnell zu Buckelpisten wurden und man aufpassen musste, dass man nicht alle Nase lang in einem sülzigen Tiefschnee-Hügel, den man übersehen hatte, stecken blieb.

Im nördlichen Teil des Skigebiets hatten die Wolken allerdings länger durchgehalten und bei -16° wehte ein eisiger Wind. Zwar nicht so schön fürs Auge wie auf den südlichen Pisten, dafür hatte ein Großteil der Skiwütigen an diesem Tag die nördlichen Pisten gemieden, die deshalb auch noch am Nachmittag in einer super präparierten Zustand waren – allerdings mit bockhartem Schnee.

Als letzte Abfahrt des Nachmittags stand dann die 12 km lange Talabfahrt an, und wie zu erwarten – sie liegt im Norden – war die Piste wie leer gefegt. Je weiter wir uns allerdings dem Tal näherten, desto vereister wurde die Piste und desto widriger wurden die Sichtverhältnisse. Bis hin zum Blindflug, bei dem wir beim Blick nach unten zu den Skiern entweder feststellten, deutlich schneller oder deutlich langsamer unterwegs zu sein, als gedacht, machte doch der Wind es einem wirklich schwer bei Null Sicht die eigene Geschwindigkeit einzuschätzen. Da endete der ein- oder andere Ziehweg schonmal im Skating. Als wir dann unten im Tal ankamen glich die Piste auf den letzten Metern einer einzigen Eisfläche. Als wir am Bus eintrafen erfuhren wir von den nach uns kommenden, dass nur ca. fünf Minuten nach uns die Talabfahrt wegen der Pistenverhältnisse gesperrt worden war und einige Minuten darauf wegen des böigen Winds auch ein Teil der Gondelbahnen und Lifte. Nichts desto trotz: Ein toller Tag!
Hütte am Kreuzweg

Jetzt aber zum Titel des Artikels: Was ist denn in 15,5 Stunden?

Was auf den wunderschönen Tag bei Skifahren folgte, endet bzw. endete heute Abend. Wieder einmal gehen 3,5 Wochen Vorbereitung auf das nächste, morgen früh anstehende Präp-Kurs-Testat zu Ende. Während ich jetzt hier im Bett liege, den Laptop auf meinen Oberschenkeln, steigt stetig die Aufregung wegen morgen. Thema ist Kopf/Hals. Ein scheinbar relativ kleines Präparationsgebiet – im Vergleich zu Situs, Rumpfwand oder Extremitäten. Aber eines, dass es in sich hat. Auf „kleinstem“ Raum eine Unmenge an Gefäßen und Nerven. Die 12 Hirnnerven z.B. mit ihren jeweiligen Kerngebieten im Hirnstamm und sämtlichen Nervenästen. Gerade bei Nerven wie dem N. trigeminus, facialis, glosspharyngeus und vagus sind das eine ganze Menge. Oder: sämtliche Durchtrittsstellen von Gefäßen und Nerven durch die Schädelbasis … Ein Traum, hoffentlich kein Albtraum.

Das alles wird morgen um 9:30 Uhr noch einmal auf die Probe gestellt. Noch weiß ich nicht, welchen Prüfer ich bekommen werde. Das erfahre ich, wie immer, erst morgen früh um 8:00 Uhr, was das verdammt mulmige Gefühl im Magen nicht gerade verbessert, weiß man doch von einigen Prüfern, dass sie die Fähigkeit besitzen, sämtliche Aufregung im Testat auf einmal verfliegen zu lassen und die für ihre angenehmen Fragen und wohlwollenden Benotungen bekannt sind (so wie mein Prüfer im Situs-Testat). Die Prüfer, bei denen ein Anatomie-Testat richtig Spaß machen kann. Auf der anderen Seite kennt man aber auch die Geschichten der Prüfer, die weiter nachhaken, wenn man nicht mehr weiter weiß, die Aufregung eher noch verschlimmern und am Ende streng benoten.

Egal wie das morgen ausgehen wird: Ich bin froh, wenn dieser Kursabschnitt rum ist und 3,5 Wochen Vorbereitung nach den 10 Minuten Testat vorbei sind. Und so morgen früh alles gut geht ist es dann nur noch ein schriftliches Testat auf dem Weg zum Ziel „Präp-Kurs-Schein“.