(Alters-)Depression im Seminargebäude

Wochenende. Nach dem Präpkurs und dem Physio-Praktikum sind inzwischen wieder vier weitere Scheine auf meinem Notenspiegel hinzugekommen. Ein einziger fehlt mir jetzt noch für dieses Semester und den werde ich am kommenden Dienstag erhalten – naja: erhalten ist vielleicht schlecht ausgedrückt, da es die guten alten Papier-Scheine bei uns nicht mehr gibt, sondern die Scheine inzwischen nur noch digital verarbeitet werden.

Diese fünf Scheine – die außer dem Präpkurs und Physio-Praktikum im 3. Semester noch erworben werden müssen – gehören zu den so genannten Integrierten Seminaren. Auf der Grundlage der Approbationsordnung (also dem Ding, was die Voraussetzungen dafür festlegt, um Arzt zu werden) sieht unsere Studienordnung (also das Ding, was die Approbationsordnung an der jeweiligen Uni umsetzt und den genauen Ablauf des Studiums regelt) sieben solcher 10-stündigen Seminare vor. Diese Art der Lehrveranstaltung wurde durch die Neuauflage der Approbationsordnung geschaffen und soll klinische Lehrinhalte frühzeitig in die Vorklinik integrieren – daher der Name. Hauptsächlich definieren sich die Integrierten Seminare glaube ich darüber, dass sie ganz neumodische Namen haben, z.B. „IS Deine Gene, dein Schicksal“ oder „IS Mir geht die Luft aus“.

Grundsätzlich finde ich, dass diese Seminare eine sinnvolle Sache sind, bringen sie doch wieder etwas mehr Klinik in die doch ziemlich Naturwissenschaften lastige Vorklinik. Das Problem ist leider, dass die Kursorganisation und -qualität sehr stark abhängig vom Lehrverantwortlichen bzw. dem Institut, das das Seminar durchführt, ist.

Ein Seminar zum Thema Arbeits- und Leistungsphysiologie fand gleich zu Anfang des Semesters in Blockform statt. Das zweite über das ZNS als Begleitveranstaltung parallel zum entsprechenden Präpkurs-Abschnitt. Die letzten drei Integrierten Seminare – eines zum Thema Humangenetik, eines zur alternden Gesellschaft und zur Medizin des Alterns und das dritte zu Lungenfunktionsstörungen – finden in Blockform zum Abschluss des Semesters statt, also jetzt in diesen Tagen. Zwei davon sind schon abgehakt, das humangenetische Seminar fand am Dienstag und gestern statt, das Seminar mit dem Namen „Mit 66 Jahren …“ (Na worum wird’s da wohl gehen?) gestern und heute.

Letzteres war leider eher ein Negativbeispiel für die Durchführung dieser Integrierten Seminare, auch wenn das Thema zweifellos relevant für unser zukünftiges Berufsbild sein wird (wenn man nicht gerade Pädiater werden will). Die Idee dahinter: In Gruppen zu je 20 Studenten verbringt man den ganzen Tag von 8 bis 17 Uhr in einem Seminarraum und jeweils nach einer Stunde wechseln die Dozenten, die aus den unterschiedlichsten klinischen Abteilungen kommen, den Raum und der nächste Dozent kommt … was vor allem im Laufe des späten Nachmittags sowohl für Studenten als auch für die Dozenten zur Zumutung werden kann. Wir Studenten bekommen im Stundentakt acht verschiedene Themen (z.B. Genetik des Alterns, Sexualität im Alter oder körperliche Fitness im Alter) „aufgetischt“ und die Dozenten müssen ein- und denselben einstündigen Vortrag ohne Pause vier Mal hintereinander vor anderen Gruppen halten, wobei Motivation und Konzentration von Studenten und Dozenten natürlich von Thema zu Thema immer weiter abnimmt.

Es hätte nicht besser passen können: Das letzte Thema, um das es dann heute nach sieben Stunden Powerpoint lastigem Frontalunterricht ging, war ausgerechnet die Altersdepression. Ein Hauch von Depression war da dann auch definitiv bei uns und unserer Dozentin festzustellen. Um dem ganzen noch ein multimediales Sahnehäubchen aufzusetzen ging dann auch noch der Beamer in unserem Seminarraum in der allseits leicht depressiven Grundstimmung in die Knie, sodass uns unsere Dozentin dann gestand, dass sie darauf jetzt eigentlich auch keine Lust mehr habe und deshalb versuchen werde, das ganze in einer halben Stunde ohne Beamer durchzuziehen. Dieser Versuch endete erfolgreich, sodass ich mich heute Abend mit nur noch zehn verbleibenden Stunden Präsenzzeit an der Uni in diesem Semester in ein tiefenentspanntes Wochenende verabschieden kann.

Endspurt. Am kommenden Dienstag um 19:00 Uhr wird dann das 3. Semester rum sein. Alle Prüfungen sind bestanden und – ehrlich gesagt – darauf bin ich schon auch ein ganz kleines bisschen stolz … und vor allem erleichtert.

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Mortui vivos docent

Die Toten lehren die Lebenden. So lautet der traditionelle Leitspruch des Präparierkurses. Und eben dieser ist heute zu Ende gegangen. Vier intensive, anstrengende, lehrreiche Monate finden ihr Ende in einer sechs Seiten langen Liste von 292 anonymisierten Ergebnissen des letzten Testats vom heute Morgen.

Das wars, Präparierkurs ist Geschichte und die scheinbar endlosen Stunden am Präp-Tisch und am Schreibtisch haben sich gelohnt.

Neben der ganzen Freude, die jetzt gerade in mir aufkommt ist da aber noch ein ganz anderes Gefühl, das jetzt, wo die Anspannung von uns abfällt, nicht zu kurz kommen darf: Dankbarkeit – den 38 Körperspendern, die uns in diesem Semester begleitet haben. Die uns in unserem Studium, der ärztlichen Ausbildung, einen großen Schritt weitergebracht haben. Zweifellos: Die Arbeit an ihren sterblichen Überresten hat uns alle verändert, nicht nur fachlich – indem wir die Anatomie dieses hochkomplexen Organismus‘ „Mensch“ kennen gelernt haben – sondern auch menschlich. Sie hat uns geprägt, vielleicht wie nichts anderes in unserem Leben zuvor.

Letzten Dienstag habe ich unsere Körperspenderin das letzte Mal gesehen. Präpariert haben wir nicht mehr sehr viel, dafür haben wir erfahren woran sie – deren Namen ich nie erfahren werde – gestorben ist. Im Laufe des Kurses hatten wir einige pathologische Veränderungen an ihr festgestellt, Stenosen am Colon beispielsweise oder entartetes, sprich tumoröses, Gewebe an der Schilddrüse. Verstorben ist sie aber vor rund einem Jahr im Alter von 85 Jahren an einem Vorderwandinfarkt.

Als wir sie danach ein letztes Mal mit dem formalin-getränkten Tuch und der schwarzen Kunststoffplane abdeckten erinnerte ich mich an den Moment, in dem wir sie das erste Mal aufgedeckt hatten und wir sie damals vor uns lag: leblos, kalt, helle Haut mir rot-bläulichen Leichenflecken, rasiertes Kopfhaar – aber noch unversehrt. Auf einem blanken Edelstahltisch im sachlich-kühlen Licht der Leuchtstoffröhre über ihr, umringt von zehn Medizinstudenten. Fremd.

Und inzwischen? Wir haben ihren Körper über vier Monate mehrere Stunden in der Woche kennen gelernt, und kennen den Menschen, der einmal gelebt hatte doch so überhaupt nicht. In welchen Verhältnissen hat sie gelebt? Hat sie Kinder oder Enkel hinterlassen? Wie hat ihre Familie ihren Tot aufgenommen? Und vor allem: Welche Gründe haben sie dazu gebracht, ihren Körper der Anatomie zur Lehre und zur Forschung und uns für unsere Ausbildung zu überlassen?

Fragen, auf die wir nie Antworten bekommen werden. Auch nicht beim Trauergottesdienst, den wir Studenten am Mittwoch für alle Körperspender gestalten und der den endgültigen Abschluss dieser Lebenserfahrung „Präpkurs“ bilden wird, zu dem auch alle Angehörigen eingeladen sind. Um Danke zu sagen, den Spendern, aber auch den Angehörigen, die nun, nach teilweise ein bis zwei Jahren Ungewissheit, was mit ihrem Verstorbenen gerade passiert, endlich einen Ort zum Trauern und zum sich an die gemeinsamen Jahre Erinnern bekommen werden.