30 gegen 4

Das war mal wieder eine typische Samstag-Nacht-Schicht gestern. Wie sie im Buche steht.

Seit Anfang November gibt es in meiner Heimatstadt nachts einen RTW mehr, was aber an den Einsatzzahlen leider nicht sonderlich viel geändert hat. So hatte der erste RTW meiner Wache gestern Nacht acht Einsätze, mein RTW sieben. Auf dem Sofa einmal eine halbe Stunde ausspannen war möglich, schlafen bzw. ruhen überhaupt nicht.

Auch das Patientenklientel: wie in einer Vorzeige-Samstagnacht. Vier der sieben Einsätze drehten sich rund um den Alkohol, beim anderen RTW sah es auch nicht anders aus.

Der erste C2-Intox kam ziemlich früh, schon um kurz nach 22 Uhr. Ein junger Mann, der vor den Augen zweier Bundespolizisten im Strunz Hagel vollen Zustand die Treppe am Bahnhof runtergefallen war. Zwar hatte sein Kopf beim Sturz Bekanntschaft mit dem Gepäckförderband gemacht – so die beiden Polizisten – das interessierte den Patienten aber nur peripher, er sei ja schließlich Dr. „und nicht auf den Kopf gefallen“. (Mein neues Hobby seit gestern: Mir bei mist Wetter um die Uhrzeit schlechte Wortwitze von Patienten anhören). Den Vorschlag, ihn einmal mit ins KH zu nehmen, um ihn dort abzuklären kommentierte er mit „Ihr kleinen Wichser“ – was wir mal als ziemlich deutliches „Nein, keine Lust“ interpretierten. Nach Hause durfte er dennoch nicht, die Polizei nahm ihn mit zur Ausnüchterung aufs Revier.

Gute zwei Stunden später kam es dann vor einem Club in der Innenstadt zu einer Massenschlägerei. 30 gegen 4 … ziemlich faire Angelegenheit, oder? Ich vermute mal die 30 haben gewonnen und unser Patient war einer von den vieren. Die Folge war jedenfalls, dass die Fußgängerzone am Ende in eine besinnlich blau-blinkende Dauerbeleuchtung getaucht war. Auch während wir uns bereits um unseren Patienten kümmerten, kamen immer weitere Streifenwagen dazu, auch aus der Nachbarstadt. Am Ende dürften es dann mehr als zehn Streifenwagen und auch einige Polizeibeamte mit Diensthunden gewesen sein. Wir haben uns dann relativ zügig mit unserem Patienten in die Klinik verdrückt und das Aufräumen getrost der Polizei überlassen. Die können das besser.

Das nächste Opfer der Samstagnacht ließ allerdings nicht lange auf sich warten. Erneut ein C2-Intox, allerdings deutlich weniger mitteilsam als der am Bahnhof. Lag da auf dem Gehweg in seiner Schneematsch-Pfütze und bekam von all dem, was um ihn herum passierte nicht mehr sonderlich viel mit. Ein Freund hatte noch versucht, ihn in diesem Zustand nach Hause zu schleppen. Bereits nach zwei Straßenkreuzungen hatte ihn allerdings die Kraft verlassen und so traten wir dann auf den Plan.

Und beim letzten Party-Einsatz der Nacht (es war inzwischen kurz vor 6 Uhr) holte uns die Schlägerei an dem Club in der Innenstadt wieder ein. Zunächst hatte uns die Leitstelle zu einer anderen Disko geschickt, dort solle schon wieder eine Schlägerei stattfinden. Dort angekommen, war jedoch von der gemeldeten nonverbalen Auseinandersetzung weit und breit nichts zu sehen. Ein Anruf bei der Leitstelle und – über einige Umwege – eine Nachfrage bei der Polizei ergab, dass die Einsatzstelle an einem anderen Club sei, eben dem wo bereits früher in der Nacht die Massenschlägerei stattgefunden hatte. Aber auch dort: die Disko geschlossen, die Gehsteige hochgeklappt, hier kloppte sich definitiv niemand mehr. Ein erneuter Rückruf bei der Polizei ergab, dass es sich bei dem Patienten um einen verletzten Polizeikollegen handele und dieser inzwischen schon wieder zurück im Polizeipräsidium sei. Da sich dieses nur rund 200 m entfernt befindet, fuhren wir nun das Präsidium an und fanden dort auch unseren Patienten. Er hatte während des Großeinsatzes bei der Massenschlägerei eine Ladung Pfefferspray abbekommen – ein „victim of friendly fire“ also – es gehe ihm aber inzwischen schon wieder gut, weswegen er unsere Hilfe nicht bräuchte. Wo wir aber schon mal da seien, könnten wir auch gleich noch in den Zellentrakt schauen, dort sei eine der Hauptpersonen der Schlägerei inhaftiert und auch er sei wohl von der Polizei ziemlich mit Pfefferspray eingenebelt worden. Die Polizei hatte ihm allerdings bereits ordentlich die Augen ausgespült und unseren Vorschlag, das einzige was wir für ihn tun könnten, wäre ihn in die Augenklinik zu bringen, lehnte die Polizei ab. Der Amtsarzt müsste ihn sowieso noch untersuchen und die Haftfähigkeit feststellen. Und so zogen wir in der Hoffnung auf den baldigen Feierabend wieder ab.

Das mit dem pünktlichen Feierabend klappte dann allerdings leider auch nicht wirklich. Ein letzter Einsatz eine halbe Stunde vor Schichtende, bescherte uns noch eine gute Überstunde. So wurden dann aus 12 schlaflosen Stunden 13 und das warme Bett zuhause winkte doch ziemlich energisch.

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