Silvesterkind

Es ist schon ein paar Jahre her. Es war ein Silvestermorgen, ich hatte Frühschicht-Rettung. Die Uhr im Aufenthaltsraum zeigt Viertel nach Sieben. Gerade waren mein Kollege und ich aus der Fahrzeughalle gekommen, nachdem wir unseren RTW wie jeden Morgen gecheckt hatten. Der Aufenthaltsraum der Rettungswache war in helles Neonlicht getaucht, ansonsten war noch alles dunkel draußen. Die Stadt schlief scheinbar noch. Es lag Schnee und in den Lichtkegeln der Straßenlaternen konnte man Schneeflocken beim Fallen beobachten.

Wir saßen gerade beim Frühstück und die Kaffeemaschine in der Ecke des Raumes surrte leise als der Melder ging. Einsatzalarm, gynäkologischer Notfall ohne Notarzt, Wehen alle 3 bis 5 Minuten war auf dem Display zu lesen. Es ging in eine Gemeinde etwas außerhalb der Stadt, mit Signal etwa 10 Minuten Fahrzeit.

Als wir die Stadtgrenze passiert hatten und an einem Waldrand entlang fuhren verwandelten sich die fallenden Schneeflocken in blau blinkende Punkte, die überall um den RTW herum flogen. Auch die Schneelandschaft flackerte in einem hektisch, blau blinkenden Licht auf. Im RTW war es ruhig (wir waren beide noch etwas müde), im Hintergrund lief leise das Radio und auch im Funk war alles still. Wäre ich nicht damit beschäftigt gewesen, zu verhindern, dass die Räder des RTW auf der rutschigen Straße in Schlingern geraten, hätte man fast einen Hauch von Winterromantik in die Szene, die sich gerade um uns herum abspielte, hinein interpretieren können.

Weniger romantisch aber irgendwie beruhigend klang dann die Stimme des Disponenten im Funk: Der Ersthelfer sei bereits vor Ort, das Kind sei inzwischen auf der Welt.

Als wir am Einsatzort ankamen, öffnete uns der offensichtlich noch etwas aufgeregte, frisch gebackene Papa die Tür. Das kleine Silvesterkind lag bereits abgetrocknet und in Handtücher eingewickelt auf der Brust der Mutter. Nun, das einzig kuriose war, dass es sich bereits unfreiwillig selbst abgenabelt hatte. Kurz nachdem ihr Ehemann den Notruf abgesetzt hatte, hatte die in diesem Moment noch Schwangere das dringende Bedürfnis, noch einmal auf die Toilette zu gehen. Dabei war der Säugling dann als Sturzgeburt aus rund 40 cm Höhe auf den gefliesten Boden gefallen. Außer dass dabei eben die Nabelschnur gerissen war, war der Sturz für das Neugeborene allem Anschein aber nach glimpflich verlaufen.

Wir klemmten daher nur noch die beiden Enden der Nabelschnur ab, untersuchten das Neugeborene auf offensichtliche Verletzungen, brachten Mutter, Kind und Mutterpass in den RTW und fuhren beide zur Sicherheit auf die Wochenstation der Frauenklinik.

Wie so oft haben wir danach nicht mehr erfahren, ob auch nach der Geburt alles gut verlaufen ist und ob dem Kind bei seinem Sturz tatsächlich nichts passiert war. Es sind trotzdem auch diese Erlebnisse, die sich einprägen und an die man manchmal zurückdenkt. Es sind zum Glück nicht nur die spektakulären, schlimmen Einsätze, deren Bilder man nicht mehr vergisst. Manchmal ist es auch nur so etwas gewöhnliches und normales, und eben trotzdem so etwas außergewöhnliches wie eine Geburt an einem dunklen, verschneiten Silvestermorgen.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen guten Rutsch ins neue Jahr 2016.

Euer Kittelträger

 

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30 gegen 4

Das war mal wieder eine typische Samstag-Nacht-Schicht gestern. Wie sie im Buche steht.

Seit Anfang November gibt es in meiner Heimatstadt nachts einen RTW mehr, was aber an den Einsatzzahlen leider nicht sonderlich viel geändert hat. So hatte der erste RTW meiner Wache gestern Nacht acht Einsätze, mein RTW sieben. Auf dem Sofa einmal eine halbe Stunde ausspannen war möglich, schlafen bzw. ruhen überhaupt nicht.

Auch das Patientenklientel: wie in einer Vorzeige-Samstagnacht. Vier der sieben Einsätze drehten sich rund um den Alkohol, beim anderen RTW sah es auch nicht anders aus.

Der erste C2-Intox kam ziemlich früh, schon um kurz nach 22 Uhr. Ein junger Mann, der vor den Augen zweier Bundespolizisten im Strunz Hagel vollen Zustand die Treppe am Bahnhof runtergefallen war. Zwar hatte sein Kopf beim Sturz Bekanntschaft mit dem Gepäckförderband gemacht – so die beiden Polizisten – das interessierte den Patienten aber nur peripher, er sei ja schließlich Dr. „und nicht auf den Kopf gefallen“. (Mein neues Hobby seit gestern: Mir bei mist Wetter um die Uhrzeit schlechte Wortwitze von Patienten anhören). Den Vorschlag, ihn einmal mit ins KH zu nehmen, um ihn dort abzuklären kommentierte er mit „Ihr kleinen Wichser“ – was wir mal als ziemlich deutliches „Nein, keine Lust“ interpretierten. Nach Hause durfte er dennoch nicht, die Polizei nahm ihn mit zur Ausnüchterung aufs Revier.

Gute zwei Stunden später kam es dann vor einem Club in der Innenstadt zu einer Massenschlägerei. 30 gegen 4 … ziemlich faire Angelegenheit, oder? Ich vermute mal die 30 haben gewonnen und unser Patient war einer von den vieren. Die Folge war jedenfalls, dass die Fußgängerzone am Ende in eine besinnlich blau-blinkende Dauerbeleuchtung getaucht war. Auch während wir uns bereits um unseren Patienten kümmerten, kamen immer weitere Streifenwagen dazu, auch aus der Nachbarstadt. Am Ende dürften es dann mehr als zehn Streifenwagen und auch einige Polizeibeamte mit Diensthunden gewesen sein. Wir haben uns dann relativ zügig mit unserem Patienten in die Klinik verdrückt und das Aufräumen getrost der Polizei überlassen. Die können das besser.

Das nächste Opfer der Samstagnacht ließ allerdings nicht lange auf sich warten. Erneut ein C2-Intox, allerdings deutlich weniger mitteilsam als der am Bahnhof. Lag da auf dem Gehweg in seiner Schneematsch-Pfütze und bekam von all dem, was um ihn herum passierte nicht mehr sonderlich viel mit. Ein Freund hatte noch versucht, ihn in diesem Zustand nach Hause zu schleppen. Bereits nach zwei Straßenkreuzungen hatte ihn allerdings die Kraft verlassen und so traten wir dann auf den Plan.

Und beim letzten Party-Einsatz der Nacht (es war inzwischen kurz vor 6 Uhr) holte uns die Schlägerei an dem Club in der Innenstadt wieder ein. Zunächst hatte uns die Leitstelle zu einer anderen Disko geschickt, dort solle schon wieder eine Schlägerei stattfinden. Dort angekommen, war jedoch von der gemeldeten nonverbalen Auseinandersetzung weit und breit nichts zu sehen. Ein Anruf bei der Leitstelle und – über einige Umwege – eine Nachfrage bei der Polizei ergab, dass die Einsatzstelle an einem anderen Club sei, eben dem wo bereits früher in der Nacht die Massenschlägerei stattgefunden hatte. Aber auch dort: die Disko geschlossen, die Gehsteige hochgeklappt, hier kloppte sich definitiv niemand mehr. Ein erneuter Rückruf bei der Polizei ergab, dass es sich bei dem Patienten um einen verletzten Polizeikollegen handele und dieser inzwischen schon wieder zurück im Polizeipräsidium sei. Da sich dieses nur rund 200 m entfernt befindet, fuhren wir nun das Präsidium an und fanden dort auch unseren Patienten. Er hatte während des Großeinsatzes bei der Massenschlägerei eine Ladung Pfefferspray abbekommen – ein „victim of friendly fire“ also – es gehe ihm aber inzwischen schon wieder gut, weswegen er unsere Hilfe nicht bräuchte. Wo wir aber schon mal da seien, könnten wir auch gleich noch in den Zellentrakt schauen, dort sei eine der Hauptpersonen der Schlägerei inhaftiert und auch er sei wohl von der Polizei ziemlich mit Pfefferspray eingenebelt worden. Die Polizei hatte ihm allerdings bereits ordentlich die Augen ausgespült und unseren Vorschlag, das einzige was wir für ihn tun könnten, wäre ihn in die Augenklinik zu bringen, lehnte die Polizei ab. Der Amtsarzt müsste ihn sowieso noch untersuchen und die Haftfähigkeit feststellen. Und so zogen wir in der Hoffnung auf den baldigen Feierabend wieder ab.

Das mit dem pünktlichen Feierabend klappte dann allerdings leider auch nicht wirklich. Ein letzter Einsatz eine halbe Stunde vor Schichtende, bescherte uns noch eine gute Überstunde. So wurden dann aus 12 schlaflosen Stunden 13 und das warme Bett zuhause winkte doch ziemlich energisch.

On the nightshift …

1:50 Uhr, „Mittagspause“.

Ich verbringe gerade meine letzte Schicht in diesen Semesterferien auf der Rettungswache, bevor es dann am Montag mit dem 5. Semester losgeht.

Der RTW, auf dem ich heute einen großen Teil der Nacht verbringe ist das „Arbeitstier“ meiner Wache, nicht umsonst trägt er manchmal den Beinamen „1/83-bück dich“. Nachts sind in meiner Heimatstadt auf drei Wachen insgesamt vier RTWs im Dienst, die Außenwachen mal nicht dazugezählt. Einer davon, meiner heute Nacht, ist ein so genannter „innerklinischer RTW“. Sieht aus wie ein RTW, ist besetzt wie ein RTW und ist ausgestattet wie ein RTW, nur ist er tagsüber vor allem für RTW- und Notarzt-Verlegungen im Stadtgebiet und nicht für Notfalleinsätze zuständig. Da allerdings nicht so viele überwachungs- oder intensivpflichtige Patienten über den Tag hinweg verlegt werden müssen wird er außerdem für Krankentransporte eingesetzt, auch wenn er dafür ziemlich überqualifiziert ist.

Nachts bekommt der „IKL“ eine Sonderrolle. Hier ist er das Mädchen für Alles. An manchen Wochentagen ist er das einzige Fahrzeug in der Stadt, welches Krankentransporte durchführt. Außerdem ist er natürlich auch für seine eigentliche Aufgabe da: die RTW- und Notarzt-Verlegungen. Wenn Not am Mann ist fährt er – in letzter Zeit immer häufiger – außerdem auch noch Primärrettung. Und wenn noch mehr Not am Mann ist, dann wird er schnell mal zum Notarzt-Zubringen für irgendeinen Reserve-Notarzt. Alles in allem also ziemlich viele Aufgaben für ein Fahrzeug in 12 Stunden.

Und so läuft bisher auch die heutige Nacht. In der ersten Schichthälfte stattliche sechs Fahrten, davon zwei Primäreinsätze, eine RTW-Verlegung und drei Krankentransporte. Ich hoffe in der zweiten Nachthälfte wird es etwas ruhiger, auch wenn ich eher Gegenteiliges befürchte, da heute ja Freitag-Nacht ist und – ich sagte es ja schon: „Mädchen für Alles“.

Mein bisheriger Rekord in dieser Schicht liegt übrigens bei 13 Fahrten in 12 Stunden … nachts.

Hygiene? Fehlanzeige!

In jedem ordentlichen Rettungsdienst-QM-Handbuch gibt es eine mehrere Seiten lange Liste, in denen die Hygiene- und Schutzmaßnahmen für Infektionstransporten genau festgelegt sind, meistens auf der Basis von Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts. Auf meiner Rettungswache werden diese Anweisungen sehr strikt gehandhabt und meiner Meinung nach ist das auch gut so. Zu jeder gängigen Infektionskrankheit – nicht nur zu den inzwischen auch in der Öffentlichkeit recht gut bekannten „Klinikkeimen“ MRSA, MRGN oder ähnlichen, findet sich eine genaue Auflistung wie die Erkrankung übertragen werden kann, welche Schutzmaßnahmen die Besatzung anzuwenden hat, welche Schutzkleidung der Patient zu tragen hat und welche Desinfektionsmaßnahmen nach dem Transport durchzuführen sind. Beginnend bei Handschuhen für die Besatzung, keiner Schutzkleidung für den Patienten und einer laufenden Kontaktflächendesinfektion, über den Einweg-Schutzoverall mit Mund-Nasen-Schutz und einer Scheuer-Wisch-Schlussdesinfektion aller Oberflächen im Fahrzeug bis hin zur Endreinigung durch einen staatlich geprüften Desinfektor (die ist aber glücklicherweise, sehr selten notwendig).

Wie gesagt: So wie ich das kenne werden diese Hygienevorschriften im Rettungsdienst inzwischen sehr konsequent umgesetzt, ähnliches Bild in den Krankenhäusern. Regelmäßig die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte man aber, wenn man einen infektiösen Patienten entweder in einem Altenheim abholen will oder ihn dort hinbringen will.

Häufig sind die nötigen Kittel vor der Zimmertür des Patienten zwar vorhanden, werden vom Pflegepersonal aber nicht angezogen, keine Ahnung ob aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit. Die Zimmer werden nicht entsprechend gekennzeichnet, Bewohner mit hochkontagiösen Krankheiten haben völlig ungeschützten Umgang mit anderen Bewohnern, essen mit ihnen am gleichen Tisch oder – besonders dreist – helfen sogar in der Küche.

Ein Altenheim, dass auf meiner persönlichen Skala der Hygiene-Negativrekorde einen Platz ganz weit oben einnimmt, durfte ich heute wieder einmal erleben. Wir brachten einen Patienten mit einer globalen MRSA-Infektion zurück in die Pflegeeinrichtung, aus der er kam. Es gab dort zwei Aufzüge, einen kleinen Personenaufzug und einen größeren, in den auch unsere Trage hineinpasste. Für diesen war allerdings ein Schlüssel nötig. Unser Patient konnte uns glücklicherweise sagen, wo dieser Schlüssel hinterlegt war: in der Küche gleich nebenan. Mein Kollege klopfte also (natürlich immer noch in Infektionsschutzkleidung) an der Küchentür und öffnete sie mit dem Fuß einen Spalt um in die Küche hineinrufen zu können und nach dem Schlüssel fragen zu können. Den Vorschlag des Patienten, doch einfach in die Küche hineinzugehen überhörten wir und taten dies natürlich nicht. Allerdings war der Vorschlag bezeichnend für das, was in Sachen Hygiene noch kommen sollte.

Als dann eine Person aus der Küche zu uns kam, kam sie leider nicht auf die Idee die Aufzugtür selbst aufzuschließen, sondern drückte meinem Kollegen den Schlüssel einfach in die Hand, also den Schlüssel, der aus der Küche des Heims kam, in den Schutzhandschuh mit dem wir davor an unserem Patienten rumgewerkelt hatten.

Im Wohnbereich des Patienten angekommen: keine Pflegekraft weit und breit zu sehen. Zum Glück wusste der Patient seine Zimmernummer selbst. Als wir am Zimmer ankamen: die nächste Überraschung. Die Zimmertür kein bisschen als Iso-Zimmer gekennzeichnet, kein Hygienewagen mit Schutzkitteln, Handschuhe und Mundschutz vor dem Zimmer, wie üblich. Das erste, was der Patient dann natürlich tat, nachdem wir ihn in seinen Rollstuhl umgelagert hatten, war seinen Mund-Nasen-Schutz abzunehmen.

Inzwischen reichlich irritiert verließen wir das Zimmer und machten uns noch auf die Suche nach einer Pflegekraft, um Bescheid zu sagen, dass der Bewohner wieder da sei und um eine kurze Übergabe zu machen. Als wir diese gefunden hatte, fragten wir noch nach ob denn seine Infektion überhaupt bekannt sei und warum keine Hygienemaßnahmen getroffen werden. Ihre Antwort, denkbar einfach und trotzdem irgendwie verstörend: „Wir haben das ja im PC“. Punkt. Sonst nichts. Auch auf den Hinweis, dass der Bewohner ja dann munter in seinem Rollstuhl auf den Gängen herumfahren könne: „Ja das ist so“. Sagte es und verschwand ohne ein weiteres Wort im Stationszimmer. Gerade als wir uns umdrehten sahen wir gerade noch so im Augenwinkel, wie unser Patient inzwischen schon wieder in seinem Rollstuhl auf den Gängen unterwegs war, natürlich ohne Mund-Nasen-Schutz.

Mein Kollege und ich machten uns also inzwischen mehr wütend als irrtiert zurück auf den Weg zum Ausgang, das gleiche Spiel wieder mit dem Schlüssel an der Küchentür. Dieses Mal allerdings mit dem Hinweis von unserer Seite den Schlüssel in der Küche doch bitte sofort zu desinfizieren.

In solchen Situation möchte man den Pflegekräften gerne klar seine Meinung sagen, tut es aber nicht. Zum einen würde das dann wieder unprofessionell aussehen und zum anderen ist man sich auch im Klaren darüber, dass dass ohnehin überhaupt nichts ändern würde.

Auf der einen Seite diskutieren die Medien ausgiebig über die fehlende Hygiene in deutschen Krankenhäusern, auf der anderen Seite herrschen dann in vielen Altenheimen solche verheerenden Zustände. Da kann man wirklich nur noch den Kopf schütteln.

Auch Mensch

Zurzeit ist Volksfest. Das heißt für unser eins als Rotkreuzler in erster Linie eines: Sanitätsdienst. An sich sind das sehr beliebte Dienste. Man macht sich einen schönen Abend mit netten Kollegen, läuft in regelmäßigen Abständen Streife über den Volksfestplatz, sieht den Leuten in den Fahrgeschäften zu, kauft sich gebrannte Mandeln. Langweilig wird es einem auf einem Volksfest-Dienst auch nicht, da es immer irgendwas zu tun gibt, mindestens im Halbstunden-Takt kommen Besucher zu uns und fragen uns nach einen Pflaster für die Blase am Fuß oder nach etwas zum Kühlen für den verstauchten Knöchel oder den Insektenstich. Hinzu kommen natürlich durchschnittlich alle zehn Minuten die Fragen nach der Toilette. Da wird das Rote Kreuz schon Mal ganz schnell zum blauen „I“, wie am Infopoint.

Und dann, vielleicht ein- bis zweimal pro Abend gibt es die Besucher, die entweder selbstverschuldet (der Alkohol lässt grüßen) oder völlig ohne eigenes Zutun wirklich dringend auf unsere Hilfe angewiesen sind, diejenigen, die sich nicht nur in den Finger geschnitten haben oder sich beim Laufen in Flip Flops eine Blase geholt haben, diejenigen die echte Notfälle sind. Ob sie nun volltrunken und bewusstlos an irgendeinem Fahrgeschäft liegen oder mit Brustschmerzen und Atemnot zu uns kommen.

Auf einmal drängen dann plötzlich drei oder vier Sanitäter in die Menge, der Menschen die eigentlich nur eines wollen: Feiern, und leider zu oft dabei auch vergessen, dass wir hier nicht nur zum Spaß sind, sondern dass unser Gegenüber sich vielleicht im Moment tatsächlich in einer – zumindest für ihn – hilflosen Lage befindet.

Gerade am späteren Abend, wenn der Alkoholkonsum steigt, sind abfällige Bemerkungen über uns oder Besucher, die sich einen Spaß aus unserer Arbeit machen wollen, schon normal. Wenn man mit der Trage zum Patienten will kommt es dann schon einmal vor, dass Betrunkene die Möglichkeit sehen und auf der Trage sitzend mitfahren wollen; oder sich uns absichtlich in den Weg stellen, weil sie ja so lustig sind, den Ernst der Lage aber in diesem Moment überhaupt nicht sehen.

Als gestern kurz vor Mitternacht einer unserer Patienten von einem RTW abgeholt werden musste und dieser danach gezwungenermaßen auf den Fußgängerwegen des Volksfestplatz wenden musste und wir versuchten zu viert den Platz um den RTW freizuhalten, damit dieser wenden kann, ohne die Fußgänger zu gefährden, fielen schnell Bemerkungen wie „Alter was ist falsch bei dir! Ich bleib jetzt doch hier nicht stehen!“, das bekräftigende „Ey“ am Ende des Satzes nicht zu vergessen. Oder der schon etwas angetrunkene Jugendliche, der meine Kollegin anfährt „Was denn? Der fährt doch bloß rückwärts!“ und nur rund einen Meter hinter dem rückwärts fahrenden RTW vorbei läuft.

Manchmal möchte man in so einem Moment dann den Leuten Äußerungen in ähnlicher Freundlichkeit hinterher rufen. Aber das wäre unprofessionell, also schluckt man das und denkt sich seinen Teil.

Man darf in solchen Situationen keinen Respekt erwarten, auch Dankbarkeit ist inzwischen eher zur Nebensache geworden. Was man sich aber wünscht, ist auch an solchen Abenden seiner ehrenamtlichen Arbeit nachgehen zu können, ungestört und mit der Gewissheit bei der nächsten Äußerung nicht auch noch einen tätlichen Angriff zu kassieren.

Suchbegriffe

Es ist immer wieder spannend in den Suchbegriffen zu wühlen, die euch zu diesem Blog geführt haben. Deshalb möchte ich hier mal auf einige wenige eingehen:

blaulichtgeschichten: eine meiner Kategorien, in denen ich über manchmal mehr, manchmal weniger alltägliche Erfahrungen aus dem Rettungsdienst schreibe

kitteltraeger: ja, das bin ich. 😉

korneozyt: abgestorbene Zellen in der obersten Schicht der menschlichen Epidermis, dem Stratum disjunctum

zelle mikroskop: das eine guckt man durch das andere in Histologie an

durchtrittsstellen zwerchfell: Ein etwas umfangreicheres Thema, im Situs-Testat übrigens sehr gern gefragt. Im Zwerchfell gibt es mehrere Öffnungen, durch die verschiedene Strukturen aus der Brusthöhle in die Bauchhöhle oder zurück in die Brusthöhle treten. Wichtige Öffnungen des Zwerchfells mit den durchtretenden Strukturen sind:

  • Hiatus oesophageus: Oesophagus, linker N. phrenicus, Trunci vagales als Fortsetzung der beiden Nn. vagi
  • Foramen venae cavae: V. cava inferior, rechter N. phrenicus
  • Hiatus aorticus: Aorta, Ductus thoracicus
  • Trigonum sternocostale: A. und V. epigastrica superior

nach coopertest zusammenbrechen: ist mir jetzt nie passiert, kann es aber natürlich

mischung dormicum und propofol:  nach eigener Erfahrung beliebte Sedierung bei einer Koloskopie

anatomie klausur durchgefallen: Ist mir glücklicherweise erspart geblieben, kann aber gut mal passieren. Das ist aber beim ersten Mal kein Grund gleich den Teufel an die Wand zu malen oder sein Medizinstudium an den Haken zu hängen, man hat für jede Klausur drei Versuche: den Haupttermin und zwei Wiederholungsklausuren. Allerdings verliert man spätestens bei der zweiten Wiederholungsklausur meistens mindestens ein Semester, in der Vorklinik eher ein Jahr. Bei dreimaligem Nichtbestehen folgt die Exmatrikulation, dann ist das Studium wirklich zu Ende.

keine ablösung nach 12 stunden schicht im rettungsdienst: D zugegebenermaßen ein ziemlicher Mist, noch mehr wenn dann auch noch der Melder geht und der Feierabend in noch weitere Ferne rückt. In meinem Rettungsdienstbereich ist das glücklicherweise ziemlich eindeutig geregelt: Im Krankentransport darf die Leitstelle einen Auftrag, der maximal 15 Minuten über die eigentliche Arbeitszeit hinausgeht, ohne anzufragen schicken. Wird der Auftrag absehbar mehr als 15 Minuten über das Dienstende hinausgehen, muss die Leitstelle das davor mit der Fahrzeugbesatzung abklären. Anders ist die Situation natürlich bei Notfalleinsätzen. Allerdings muss ich auch dazu sagen, dass ich glücklicherweise noch nie in der Situation war, dass nach 12 Stunden einfach keine Ablösung kam.

arbeitskreis zukunft brk neustadt aisch: keine Ahnung, was das mit meinem Blog zu tun hat

Es geht wieder los

Hinter mir liegt ein Wochenende, das bis zum Rand mit Zeit für meine Hilfsorganisation gefüllt war. Vom gemeinsamen Ausflug zur „Kameradschaftspflege“ (ja so heißt das wirklich) und danach Sanitätsdienst bei einer Ü30-Party, gestern dann noch einmal Rettung-Fahren. Sechs Einsätze in acht Stunden, der erste bereits eine halbe Stunde vor dem eigentlichen Dienstbeginn, der letzte zehn Minuten vor Feierabend – Überstunden vorprogrammiert. Es war also gut was los für einen Sonntag.

Einer der gestrigen Einsätze könnte man der Kategorie „Kurioses“ zuordnen. Mit dem Stichwort „bewusstlos“ schickte uns die Leitstelle auf die Autobahn. Die Einsatzmeldung sei über die Polizei gekommen, dort wiederum habe ein Autofahrer angerufen und einen LKW im Baustellenbereich auf der rechten Spur gemeldet, dessen Fahrer bewusstlos über dem Lenkrad hänge. Eine denkbar ungeschickte Kombination, Rettungen aus hohen Fahrzeugen sind immer schwierig und ohne die Feuerwehr meistens nicht zu schaffen. Wenn der Patient dann auch noch bewusstlos oder sogar reanimationspflichtig ist wird die Sache noch verzwickter. Und das alles dann neben dem fließenden Verkehr auf der Autobahn.

Als wir auf die Autobahn auffuhren leuchteten uns schon eine Vielzahl von Bremslichtern entgegen; der auf der rechten Spur stehende LKW hatte wohl schon einen gehörigen Stau produziert. Zehn Minuten durften wir uns also unseren Weg durch die Rettungsgasse bahnen, die zugegebenermaßen hier richtig gut funktionierte. Auf halber Strecke überholte uns eine Streifenwagen der Autobahnpolizei, fuhr vor uns her und räumte uns schon einmal unseren Fahrweg zwischen den Autos frei.

Beim Eintreffen am LKW stellte sich die Situation aber glücklicherweise völlig anders als gemeldet heraus: der LKW hatte einen technischen Defekt uns stand auf der rechten Spur, der leicht verzweifelte Fahrer daneben. Vermutlich hatte ein vorbeifahrender Autofahrer in den LKW geblickt, den Fahrer genau in einem Moment gesehen, in dem er sich über das Lenkrad gebeugt hatte und besorgt die Polizei informiert. Sowohl für den LKW-Fahrer als auch für uns das eindeutig bestmögliche Ende dieses Einsatzes.

Apropos Ende: Die Semesterferien sind inzwischen schon wieder weit fortgeschritten. Heute in zwei Wochen geht das vierte Semester los. Ab heute werde ich wieder einen Teil meines Tages am Schreibtisch verbringen und langsam versuchen mir erneut Biochemie anzueignen. Relativ schnell nach Semesterbeginn steht die zweite Biochemie-Klausur an. Im Gegensatz zur ersten Klausur, in der es viel ums Grundsätze-Verstehen ging (Was sind eigentlich Proteine? Was machen Enzyme? Was ist DNA? usw.) waren vor allem Stoffwechselwege Inhalt der Biochemie-Vorlesung im letzten Semester. Und die gilt es jetzt auswendig zu lernen. Vom Kohlenhydratstoffwechsel mit seinen verschiedenen Auf- und Abbauwegen, dem Citratzyklus und der Atmungskette bis hin zum Stoffwechsel der Fette und der Nukleotide.

Die wirklich tollen Semesterferien neigen sich langsam aber sicher dem Ende entgegen und der Uni-Alltag beginnt wieder. Jetzt kommt aber noch ein großes ABER: Bis es wieder richtig losgeht sind es ja noch zwei Wochen. 😉

Semesterferien

Ja ich gebe ganz offen zu: Momentan führe ich tatsächlich ein Studentenleben, so wie es sich Nicht-Studenten vorstellen. Keine Lehrveranstaltungen an der Uni, keine Klausuren mehr, das Krankenpflegepraktikum konnte ich ja auch schon nach dem ersten Semester im letzten Frühling abschließen. Außer dass in ein paar Tagen die Anmeldungen für die Kurse im nächsten Semester anstehen, ist die Uni gerade doch ganz weit weg.

Gestern waren Thea und ich das zweite Mal in diesem Jahr Skifahren. Und zwar ein bisschen unfreiwillig nochmal in Davos. Wir hatten eigentlich beim gleichen Reiseunternehmen wie letztes Mal eine Fahrt ins Montafon gebucht, allerdings fiel diese aus, da sich zu wenige Teilnehmer angemeldet hatten. Wir mussten deshalb umbuchen auf die einzige andere Fahrt, die an diesem Tag noch angeboten wurde – nach Davos eben. Und obwohl wir im Januar dort ja schon einmal gewesen waren, war es doch wieder ein wunderschöner Skitag. Bei strahlend blauem Himmel, -10°, sehr viel Schnee – ausgezeichnete Bedingungen und einfach nur toll!

Neidisch?

Dieses Wochenende konnte ich mir außerdem endlich wieder zwei Schichten Rettung schnappen. Die erste heute ist ohne großartige Vorkommnisse zu Ende gegangen. Vier Einsätze in acht Stunden, davon ein Krankentransport. Also wirklich nicht zu stressig. Und das auch noch bei diesem fantastischen Wetter! Das ist definitiv einer der großen Vorteile im Rettungsdienst: Da man sein Geld ja zum großen Teil auf der Straße verdient, verbringt man viel Zeit an der frischen Luft. Und bei aller Arbeit und allem Stress, den dieser Job nicht ganz selten mit sich bringt bleibt in der Regel trotzdem Zeit, bei so einem Wetter den blauen Himmel und die Sonnenstrahlen zu genießen.

Heute Abend bin ich dann noch zum Angrillen eingeladen und morgen geht es nochmal mit der gleichen Schicht wie heute weiter. Das Wetter verspricht wieder genauso toll zu werden wie die letzten beiden Tage und Sonntage sind nicht gerade für ihre hohen Einsatzaufkommen bekannt. Auch wenn man es bekannterweise nicht verschreien soll: Ich freue mich wirklich aufs Arbeiten morgen und genieße die Zeit gerade einfach so wie sie ist, die Arbeit genauso wie die Freizeit.

„Mal verliert man …“

… und mal gewinnen die Anderen“, so mutmaßte einst Otto Rehagel. Und manchmal muss der gemeine Krankenwagen-Beifahrer feststellen, dass an diesem verbalen Ausdruck kognitiver Höchstleistung auch wirklich ein Quäntchen Wahres dran ist. So geschehen heute.

Es wurde langsam Mittag in meiner KTW-Schicht, der Magen mahnte allmählich an „Nachfüllen bitte!“, doch die Leitstelle hatte leider andere Pläne für uns. Eine Fernfahrt von der Ambulanz der hiesigen Uniklinik nach Hause in eine etwas mehr als eine Fahrtstunde entfernte Stadt. Auf dem Melder zu lesen: der Name des Patienten (ich schreibe allgemein von „dem Patienten“ – das sagt aber nichts darüber aus, welchem Geschlecht diese Person angehörte – Datenschutz und so … ), die Auftragsnummer, der Einsatzort, also die Ambulanz, das Transportziel, also der Wohnort des Patienten, die Uhrzeit der Alarmierung … und ein kleiner, unscheinbarer, aber folgenreicher Zusatz: eine kurze Kombination von drei Großbuchstaben verriet uns: oh oh … Infektionsfahrt.

Nun sind Infektionsfahrten im Alltag des Krankenwagen-Beifahrers nichts außergewöhnliches. Bei uns im Land springen die inzwischen Medien-bekannten „Klinikkeime“ ja nur so durch die Gegend – sollte man zumindest meinen. MRSA, ESBL, MRGN, VRE und wie sie alle heißen – Alltag im Krankentransport. Nur gehören solche Fahrten nicht gerade zu den beliebtesten, muss doch während des Transportes Schutzkleidung getragen werden und danach das gesamte Fahrzeug desinfiziert werden (und so ein KTW hat verdammt viele Ecken, Kanten und Fugen).

Mein Kollege und ich schnappen und also jeder ein Infektionsschutz-Set aus dem Fahrzeug, mein Kollege nimmt den Tragestuhl und so tapern wir denn unserer Bestimmung entgegen. In der Ambulanz angekommen: erst einmal verkleiden. Das Infektionsschutz-Set besteht aus einem Schutzkittel, einer Mund-Nasen-Schutzmaske, Handschuhen und einer Kopfhaube. Wenn man so durch die Klinikflure läuft, meint der ein oder andere derzeit sicher, Ebola sei nun auch in meiner Heimatstadt angekommen.

Ich stelle mich also bei der Patientin oder dem Patienten (spielt keine Rolle) vor und sage ihm/ihr, dass wir sie/ihn nun wieder nach Hause fahren. Wir helfen ihm/ihr (… ich wollte eigentlich nur von DEM Patienten schreiben … ) vom Rollstuhl in unseren Tragestuhl umzusteigen was ihm sichtlich schwer fällt. Am Fahrzeug angekommen steige ich zum Patienten hinten ein und mein Kollege fährt los.

Ich vergaß vorhin einen weiteren Nachteil von Infektionsfahrten zu erwähnen: Damit später nur der Patientenraum desinfiziert werden muss, wird während der Fahrt das Verbindungsfenster zwischen Patientenraum und Fahrerkabine geschlossen und die Lüftung im Patientenraum abgeschaltet. Da heute nach Wochen einmal wieder richtig schönes Wetter war, heizt sich natürlich bei fehlender Luftzufuhr der Patientenraum langsam auf … im Infektionsschutz ein klimatisches Erlebnis. Innerlich macht sich in mir Erleichterung breit, als wir in die Straße einbiegen, in der der Patient wohnt. Seitentür auf … frische Luft, zumindest halbwegs; da war ja noch der Mundschutz. Der Blick auf das Haus mit der entsprechenden Hausnummer lässt die Erleichterung jäh in Ernüchterung umschlagen: ein Mehrfamilienhaus mit 5. Stockwerken. Ich frage den Patienten (der noch dazu nicht gerade zu den schlanksten seiner Art gehört) in welchem Stock er denn wohnt (auch wenn ich die Antwort schon längst befürchte zu kennen): ganz oben! Klar wie hätte es auch anders sein können. Ich schließe die Tür auf. Aufzug? Warum mache ich mir die Hoffnung überhaupt? Nein, natürlich nicht vorhanden.

Was folgt muss hätte für Außenstehende wahrscheinlich ein etwas befremdliches Bild abgegeben: zwei junge Männer tragen, bekleidet mit einem gelben Kittel, einem Mundschutz, Handschuhen und einer Kopfhaube, eine Person in den fünften Stock eines Wohnhauses. Oben angekommen, der Rücken jubelt, aber einmal mehr den Patienten heil nach Hause gebracht. Und letzten Endes kommt es doch eigentlich genau darauf an.