Auch Mensch

Zurzeit ist Volksfest. Das heißt für unser eins als Rotkreuzler in erster Linie eines: Sanitätsdienst. An sich sind das sehr beliebte Dienste. Man macht sich einen schönen Abend mit netten Kollegen, läuft in regelmäßigen Abständen Streife über den Volksfestplatz, sieht den Leuten in den Fahrgeschäften zu, kauft sich gebrannte Mandeln. Langweilig wird es einem auf einem Volksfest-Dienst auch nicht, da es immer irgendwas zu tun gibt, mindestens im Halbstunden-Takt kommen Besucher zu uns und fragen uns nach einen Pflaster für die Blase am Fuß oder nach etwas zum Kühlen für den verstauchten Knöchel oder den Insektenstich. Hinzu kommen natürlich durchschnittlich alle zehn Minuten die Fragen nach der Toilette. Da wird das Rote Kreuz schon Mal ganz schnell zum blauen „I“, wie am Infopoint.

Und dann, vielleicht ein- bis zweimal pro Abend gibt es die Besucher, die entweder selbstverschuldet (der Alkohol lässt grüßen) oder völlig ohne eigenes Zutun wirklich dringend auf unsere Hilfe angewiesen sind, diejenigen, die sich nicht nur in den Finger geschnitten haben oder sich beim Laufen in Flip Flops eine Blase geholt haben, diejenigen die echte Notfälle sind. Ob sie nun volltrunken und bewusstlos an irgendeinem Fahrgeschäft liegen oder mit Brustschmerzen und Atemnot zu uns kommen.

Auf einmal drängen dann plötzlich drei oder vier Sanitäter in die Menge, der Menschen die eigentlich nur eines wollen: Feiern, und leider zu oft dabei auch vergessen, dass wir hier nicht nur zum Spaß sind, sondern dass unser Gegenüber sich vielleicht im Moment tatsächlich in einer – zumindest für ihn – hilflosen Lage befindet.

Gerade am späteren Abend, wenn der Alkoholkonsum steigt, sind abfällige Bemerkungen über uns oder Besucher, die sich einen Spaß aus unserer Arbeit machen wollen, schon normal. Wenn man mit der Trage zum Patienten will kommt es dann schon einmal vor, dass Betrunkene die Möglichkeit sehen und auf der Trage sitzend mitfahren wollen; oder sich uns absichtlich in den Weg stellen, weil sie ja so lustig sind, den Ernst der Lage aber in diesem Moment überhaupt nicht sehen.

Als gestern kurz vor Mitternacht einer unserer Patienten von einem RTW abgeholt werden musste und dieser danach gezwungenermaßen auf den Fußgängerwegen des Volksfestplatz wenden musste und wir versuchten zu viert den Platz um den RTW freizuhalten, damit dieser wenden kann, ohne die Fußgänger zu gefährden, fielen schnell Bemerkungen wie „Alter was ist falsch bei dir! Ich bleib jetzt doch hier nicht stehen!“, das bekräftigende „Ey“ am Ende des Satzes nicht zu vergessen. Oder der schon etwas angetrunkene Jugendliche, der meine Kollegin anfährt „Was denn? Der fährt doch bloß rückwärts!“ und nur rund einen Meter hinter dem rückwärts fahrenden RTW vorbei läuft.

Manchmal möchte man in so einem Moment dann den Leuten Äußerungen in ähnlicher Freundlichkeit hinterher rufen. Aber das wäre unprofessionell, also schluckt man das und denkt sich seinen Teil.

Man darf in solchen Situationen keinen Respekt erwarten, auch Dankbarkeit ist inzwischen eher zur Nebensache geworden. Was man sich aber wünscht, ist auch an solchen Abenden seiner ehrenamtlichen Arbeit nachgehen zu können, ungestört und mit der Gewissheit bei der nächsten Äußerung nicht auch noch einen tätlichen Angriff zu kassieren.

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Alltägliche Ignoranz gegenüber Rettungskräften

Man muss schon ein gehöriges Maß an Idealismus besitzen um heute noch im Rettungsdienst, bei der Feuerwehr oder anderen Hilfsorganisationen zu arbeiten; noch viel mehr, wenn man den Dienst ehrenamtlich leistet, seine Freizeit zum Wohle anderer opfert. Anstatt der eigentlich angebrachten Dankbarkeit oder zumindest der bloßen Anerkennung der erbrachten Arbeit schlägt den haupt- und ehrenamtlichen Kräften immer öfter das genaue Gegenteil entgegen: Unverständnis, Häme oder Aggression. Und zwar nicht nur von den üblichen betrunkenen, ausfallenden Patienten, mit denen man vor allem in den Wochenend-Nächten zu tun hat – diesen Schlag Patienten kennt man zur genüge und lässt solche Äußerungen dann in der Regel an sich abprallen – sondern zunehmend auch von voll zurechnungsfähigen Bürgern in aller Öffentlichkeit. Ein paar Beispiele, die bei mir in letzter Zeit einfach schlicht Unverständnis und Kopfschütteln über so viel Ignoranz und Respektlosigkeit bewirkt haben:

  • Erst vor einigen Tagen ereignete sich im bayerischen Neuburg wieder einmal ein Vorfall, bei dem Rettungsdienstpersonal mit einer Waffe bedroht wurde. Ein Phänomen, das in letzter Zeit präsenter denn je ist und weswegen manche Rettungsdienstbereiche ihre Einsatzkräfte zumindest nachts nur noch mit hieb- und stichfesten Westen auf die Straßen schicken. Schon allein dieser Umstand sollte zum Nachdenken anregen, wohin diese Entwicklung in Zukunft führen wird. Die Neuburger Kollegen waren nachts zu einem Internetcafé gerufen worden, in dem ein Patient wartete, der sich bei einem Streit eine Verletzung am Auge und am Jochbein zugezogen hatte. Der Patient folgte den beiden Einsatzkräften zunächst bereitwillig in den RTW, dort angekommen zog er jedoch ein Dönermesser aus der Tasche und bedrohte die beiden Rettungsdienstmitarbeiter damit. Weswegen? Weil sie ihm helfen wollten? Wahrscheinlich eher aus einer grundlosen Aggression, dem reinen Bedürfnis nach Gewalt heraus. Geistesgegenwärtig konnte einer der beiden dem Angreifer das Messer aus der Hand schlagen und den „Patienten“ gemeinsam mit seinem Kollegen überwältigen.
  • Von noch größerer Respektlosigkeit und Sinnlosigkeit ist ein weiterer Fall geprägt, der sich ebenfalls erst vor einigen Tagen in Aichach-Friedberg (Bayern) ereignete. Nachdem in einem PKW aufgrund eines technischen Defekts Feuer ausgebrochen war musste die betroffene Straße gesperrt werden, damit die Feuerwehr gefahrlos das brennende Fahrzeug löschen konnte (der Fahrer des PKW blieb glücklicherweise unverletzt). Als ein Porsche-Fahrer an der Straßensperrung eintraf erklärte ihm eine anwesende Rettungsassistentin, dass die Straße gesperrt sei und dass er sich wahrscheinlich noch eine halbe Stunde gedulden müsse, bis die Straße wieder freigegeben werden könne. Der Porsche-Fahrer zeigte sich zunächst einsichtig, gab jedoch nachdem sich die Rettungsassistentin weggedreht hatte Gas, streifte sie dabei und verletzte sie mutwillig am Knie. Um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen kommentierte er seine Tat laut Zeugenaussagen auch noch gut hörbar mit den Worten. „Das kommt davon, wenn man sich mir in den Weg stellt“. Glücklicherweise konnte der Fahrer durch Aussagen einiger Augenzeugen anhand des KFZ-Kennzeichens ausfindig gemacht werden. Ihm drohen jetzt ein monatelanges Fahrverbot sowie ein hohe Geldstrafe oder sogar Haft.

Zwar sind das nun Extrembeispiele. Aber auch im ganz normalen Schicht-Alltag sind Einsatzkräfte zunehmends Sticheleien, Beleidigungen bis hin zu körperlichen Angriffen ausgesetzt. Auch ich musste schon in völlig alltäglichen Situationen solche Erfahrungen machen oder bekam über Kollegen direkt von solchen Vorfällen mit.

Sei es beispielsweise der ältere Herr, der die Kollegen angegangen hatte und sich später sogar bei der Leitstelle beschwert hatte, da er einen RTW vor einer Imbissbude gesehen hatte und sich die Kollegen gerade etwas zu Essen gekauft hatten. Es ist für manche Menschen scheinbar unverständlich, dass auch Rettungsdienstmitarbeiter ganz normale Menschen sind, die bestimmte Grundbedürfnisse haben. Und die Aufnahme von Kalorien zählt da nun einmal dazu. In der Öffentlichkeit wird das dann aber als „der faule Rettungsdienst“ wahrgenommen.

Seien es Anwohner, die sich beschweren, wenn ein RTW im Einsatz eine Straße blockiert und den Fahrer in teils beleidigendem Ton auffordern, er möge sich doch bitte einen richtigen Parkplatz suchen. Bitte haben Sie doch Verständnis dafür, dass die Suche nach einem ordnungsgemäßen Parkplatz bei der Anfahrt zu einem medizinischen Notfall, zu einem Patienten, der sich möglicherweise gerade in Lebensgefahr befindet, kurzzeitig unwichtiger ist, als die zeitnahe Versorgung des Patienten.

Oder seien es die Beschwerden, die es hagelte, als die Berliner Feuerwehr im Bezirk Prenzlauer Berg vor einigen Wochen bei brütender Hitze spontan die Schläuche ihrer Löschfahrzeuge in überdimensionale Duschen umfunktionierte und sowohl Straße als auch Passanten mit kühlendem Sprühregen benetzten. Die Passanten genossen diesen Ausdruck von Bürgernähe bis wütende Anwohner die Aktion durch Beschwerde-Anrufe bei der Berliner Feuerwehr stoppten. Wer würde denn die jetzt nötige Autowäsche bezahlen, schließlich seien nun Kalktropfen auf den entlang der Straße geparkten Fahrzeugen zu sehen. Außerdem sei die Wache ja durch solche eine Aktion wohl nicht mehr einsatzklar – was im Übrigen schlicht und einfach Falsch ist, da die improvisierte Straßendusche im Rahmen des ohnehin nötigen Gerätechecks eingesetzt wurde.

Ich kann einfach nur den Kopf schütteln. Was ist das für eine Mentalität, bei der Menschen, die anderen Menschen helfen, nichts als Undank und Ignoranz entgegengebracht wird?