Hygiene? Fehlanzeige!

In jedem ordentlichen Rettungsdienst-QM-Handbuch gibt es eine mehrere Seiten lange Liste, in denen die Hygiene- und Schutzmaßnahmen für Infektionstransporten genau festgelegt sind, meistens auf der Basis von Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts. Auf meiner Rettungswache werden diese Anweisungen sehr strikt gehandhabt und meiner Meinung nach ist das auch gut so. Zu jeder gängigen Infektionskrankheit – nicht nur zu den inzwischen auch in der Öffentlichkeit recht gut bekannten „Klinikkeimen“ MRSA, MRGN oder ähnlichen, findet sich eine genaue Auflistung wie die Erkrankung übertragen werden kann, welche Schutzmaßnahmen die Besatzung anzuwenden hat, welche Schutzkleidung der Patient zu tragen hat und welche Desinfektionsmaßnahmen nach dem Transport durchzuführen sind. Beginnend bei Handschuhen für die Besatzung, keiner Schutzkleidung für den Patienten und einer laufenden Kontaktflächendesinfektion, über den Einweg-Schutzoverall mit Mund-Nasen-Schutz und einer Scheuer-Wisch-Schlussdesinfektion aller Oberflächen im Fahrzeug bis hin zur Endreinigung durch einen staatlich geprüften Desinfektor (die ist aber glücklicherweise, sehr selten notwendig).

Wie gesagt: So wie ich das kenne werden diese Hygienevorschriften im Rettungsdienst inzwischen sehr konsequent umgesetzt, ähnliches Bild in den Krankenhäusern. Regelmäßig die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte man aber, wenn man einen infektiösen Patienten entweder in einem Altenheim abholen will oder ihn dort hinbringen will.

Häufig sind die nötigen Kittel vor der Zimmertür des Patienten zwar vorhanden, werden vom Pflegepersonal aber nicht angezogen, keine Ahnung ob aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit. Die Zimmer werden nicht entsprechend gekennzeichnet, Bewohner mit hochkontagiösen Krankheiten haben völlig ungeschützten Umgang mit anderen Bewohnern, essen mit ihnen am gleichen Tisch oder – besonders dreist – helfen sogar in der Küche.

Ein Altenheim, dass auf meiner persönlichen Skala der Hygiene-Negativrekorde einen Platz ganz weit oben einnimmt, durfte ich heute wieder einmal erleben. Wir brachten einen Patienten mit einer globalen MRSA-Infektion zurück in die Pflegeeinrichtung, aus der er kam. Es gab dort zwei Aufzüge, einen kleinen Personenaufzug und einen größeren, in den auch unsere Trage hineinpasste. Für diesen war allerdings ein Schlüssel nötig. Unser Patient konnte uns glücklicherweise sagen, wo dieser Schlüssel hinterlegt war: in der Küche gleich nebenan. Mein Kollege klopfte also (natürlich immer noch in Infektionsschutzkleidung) an der Küchentür und öffnete sie mit dem Fuß einen Spalt um in die Küche hineinrufen zu können und nach dem Schlüssel fragen zu können. Den Vorschlag des Patienten, doch einfach in die Küche hineinzugehen überhörten wir und taten dies natürlich nicht. Allerdings war der Vorschlag bezeichnend für das, was in Sachen Hygiene noch kommen sollte.

Als dann eine Person aus der Küche zu uns kam, kam sie leider nicht auf die Idee die Aufzugtür selbst aufzuschließen, sondern drückte meinem Kollegen den Schlüssel einfach in die Hand, also den Schlüssel, der aus der Küche des Heims kam, in den Schutzhandschuh mit dem wir davor an unserem Patienten rumgewerkelt hatten.

Im Wohnbereich des Patienten angekommen: keine Pflegekraft weit und breit zu sehen. Zum Glück wusste der Patient seine Zimmernummer selbst. Als wir am Zimmer ankamen: die nächste Überraschung. Die Zimmertür kein bisschen als Iso-Zimmer gekennzeichnet, kein Hygienewagen mit Schutzkitteln, Handschuhe und Mundschutz vor dem Zimmer, wie üblich. Das erste, was der Patient dann natürlich tat, nachdem wir ihn in seinen Rollstuhl umgelagert hatten, war seinen Mund-Nasen-Schutz abzunehmen.

Inzwischen reichlich irritiert verließen wir das Zimmer und machten uns noch auf die Suche nach einer Pflegekraft, um Bescheid zu sagen, dass der Bewohner wieder da sei und um eine kurze Übergabe zu machen. Als wir diese gefunden hatte, fragten wir noch nach ob denn seine Infektion überhaupt bekannt sei und warum keine Hygienemaßnahmen getroffen werden. Ihre Antwort, denkbar einfach und trotzdem irgendwie verstörend: „Wir haben das ja im PC“. Punkt. Sonst nichts. Auch auf den Hinweis, dass der Bewohner ja dann munter in seinem Rollstuhl auf den Gängen herumfahren könne: „Ja das ist so“. Sagte es und verschwand ohne ein weiteres Wort im Stationszimmer. Gerade als wir uns umdrehten sahen wir gerade noch so im Augenwinkel, wie unser Patient inzwischen schon wieder in seinem Rollstuhl auf den Gängen unterwegs war, natürlich ohne Mund-Nasen-Schutz.

Mein Kollege und ich machten uns also inzwischen mehr wütend als irrtiert zurück auf den Weg zum Ausgang, das gleiche Spiel wieder mit dem Schlüssel an der Küchentür. Dieses Mal allerdings mit dem Hinweis von unserer Seite den Schlüssel in der Küche doch bitte sofort zu desinfizieren.

In solchen Situation möchte man den Pflegekräften gerne klar seine Meinung sagen, tut es aber nicht. Zum einen würde das dann wieder unprofessionell aussehen und zum anderen ist man sich auch im Klaren darüber, dass dass ohnehin überhaupt nichts ändern würde.

Auf der einen Seite diskutieren die Medien ausgiebig über die fehlende Hygiene in deutschen Krankenhäusern, auf der anderen Seite herrschen dann in vielen Altenheimen solche verheerenden Zustände. Da kann man wirklich nur noch den Kopf schütteln.

Advertisements

„Mal verliert man …“

… und mal gewinnen die Anderen“, so mutmaßte einst Otto Rehagel. Und manchmal muss der gemeine Krankenwagen-Beifahrer feststellen, dass an diesem verbalen Ausdruck kognitiver Höchstleistung auch wirklich ein Quäntchen Wahres dran ist. So geschehen heute.

Es wurde langsam Mittag in meiner KTW-Schicht, der Magen mahnte allmählich an „Nachfüllen bitte!“, doch die Leitstelle hatte leider andere Pläne für uns. Eine Fernfahrt von der Ambulanz der hiesigen Uniklinik nach Hause in eine etwas mehr als eine Fahrtstunde entfernte Stadt. Auf dem Melder zu lesen: der Name des Patienten (ich schreibe allgemein von „dem Patienten“ – das sagt aber nichts darüber aus, welchem Geschlecht diese Person angehörte – Datenschutz und so … ), die Auftragsnummer, der Einsatzort, also die Ambulanz, das Transportziel, also der Wohnort des Patienten, die Uhrzeit der Alarmierung … und ein kleiner, unscheinbarer, aber folgenreicher Zusatz: eine kurze Kombination von drei Großbuchstaben verriet uns: oh oh … Infektionsfahrt.

Nun sind Infektionsfahrten im Alltag des Krankenwagen-Beifahrers nichts außergewöhnliches. Bei uns im Land springen die inzwischen Medien-bekannten „Klinikkeime“ ja nur so durch die Gegend – sollte man zumindest meinen. MRSA, ESBL, MRGN, VRE und wie sie alle heißen – Alltag im Krankentransport. Nur gehören solche Fahrten nicht gerade zu den beliebtesten, muss doch während des Transportes Schutzkleidung getragen werden und danach das gesamte Fahrzeug desinfiziert werden (und so ein KTW hat verdammt viele Ecken, Kanten und Fugen).

Mein Kollege und ich schnappen und also jeder ein Infektionsschutz-Set aus dem Fahrzeug, mein Kollege nimmt den Tragestuhl und so tapern wir denn unserer Bestimmung entgegen. In der Ambulanz angekommen: erst einmal verkleiden. Das Infektionsschutz-Set besteht aus einem Schutzkittel, einer Mund-Nasen-Schutzmaske, Handschuhen und einer Kopfhaube. Wenn man so durch die Klinikflure läuft, meint der ein oder andere derzeit sicher, Ebola sei nun auch in meiner Heimatstadt angekommen.

Ich stelle mich also bei der Patientin oder dem Patienten (spielt keine Rolle) vor und sage ihm/ihr, dass wir sie/ihn nun wieder nach Hause fahren. Wir helfen ihm/ihr (… ich wollte eigentlich nur von DEM Patienten schreiben … ) vom Rollstuhl in unseren Tragestuhl umzusteigen was ihm sichtlich schwer fällt. Am Fahrzeug angekommen steige ich zum Patienten hinten ein und mein Kollege fährt los.

Ich vergaß vorhin einen weiteren Nachteil von Infektionsfahrten zu erwähnen: Damit später nur der Patientenraum desinfiziert werden muss, wird während der Fahrt das Verbindungsfenster zwischen Patientenraum und Fahrerkabine geschlossen und die Lüftung im Patientenraum abgeschaltet. Da heute nach Wochen einmal wieder richtig schönes Wetter war, heizt sich natürlich bei fehlender Luftzufuhr der Patientenraum langsam auf … im Infektionsschutz ein klimatisches Erlebnis. Innerlich macht sich in mir Erleichterung breit, als wir in die Straße einbiegen, in der der Patient wohnt. Seitentür auf … frische Luft, zumindest halbwegs; da war ja noch der Mundschutz. Der Blick auf das Haus mit der entsprechenden Hausnummer lässt die Erleichterung jäh in Ernüchterung umschlagen: ein Mehrfamilienhaus mit 5. Stockwerken. Ich frage den Patienten (der noch dazu nicht gerade zu den schlanksten seiner Art gehört) in welchem Stock er denn wohnt (auch wenn ich die Antwort schon längst befürchte zu kennen): ganz oben! Klar wie hätte es auch anders sein können. Ich schließe die Tür auf. Aufzug? Warum mache ich mir die Hoffnung überhaupt? Nein, natürlich nicht vorhanden.

Was folgt muss hätte für Außenstehende wahrscheinlich ein etwas befremdliches Bild abgegeben: zwei junge Männer tragen, bekleidet mit einem gelben Kittel, einem Mundschutz, Handschuhen und einer Kopfhaube, eine Person in den fünften Stock eines Wohnhauses. Oben angekommen, der Rücken jubelt, aber einmal mehr den Patienten heil nach Hause gebracht. Und letzten Endes kommt es doch eigentlich genau darauf an.