Mortui vivos docent

Die Toten lehren die Lebenden. So lautet der traditionelle Leitspruch des Präparierkurses. Und eben dieser ist heute zu Ende gegangen. Vier intensive, anstrengende, lehrreiche Monate finden ihr Ende in einer sechs Seiten langen Liste von 292 anonymisierten Ergebnissen des letzten Testats vom heute Morgen.

Das wars, Präparierkurs ist Geschichte und die scheinbar endlosen Stunden am Präp-Tisch und am Schreibtisch haben sich gelohnt.

Neben der ganzen Freude, die jetzt gerade in mir aufkommt ist da aber noch ein ganz anderes Gefühl, das jetzt, wo die Anspannung von uns abfällt, nicht zu kurz kommen darf: Dankbarkeit – den 38 Körperspendern, die uns in diesem Semester begleitet haben. Die uns in unserem Studium, der ärztlichen Ausbildung, einen großen Schritt weitergebracht haben. Zweifellos: Die Arbeit an ihren sterblichen Überresten hat uns alle verändert, nicht nur fachlich – indem wir die Anatomie dieses hochkomplexen Organismus‘ „Mensch“ kennen gelernt haben – sondern auch menschlich. Sie hat uns geprägt, vielleicht wie nichts anderes in unserem Leben zuvor.

Letzten Dienstag habe ich unsere Körperspenderin das letzte Mal gesehen. Präpariert haben wir nicht mehr sehr viel, dafür haben wir erfahren woran sie – deren Namen ich nie erfahren werde – gestorben ist. Im Laufe des Kurses hatten wir einige pathologische Veränderungen an ihr festgestellt, Stenosen am Colon beispielsweise oder entartetes, sprich tumoröses, Gewebe an der Schilddrüse. Verstorben ist sie aber vor rund einem Jahr im Alter von 85 Jahren an einem Vorderwandinfarkt.

Als wir sie danach ein letztes Mal mit dem formalin-getränkten Tuch und der schwarzen Kunststoffplane abdeckten erinnerte ich mich an den Moment, in dem wir sie das erste Mal aufgedeckt hatten und wir sie damals vor uns lag: leblos, kalt, helle Haut mir rot-bläulichen Leichenflecken, rasiertes Kopfhaar – aber noch unversehrt. Auf einem blanken Edelstahltisch im sachlich-kühlen Licht der Leuchtstoffröhre über ihr, umringt von zehn Medizinstudenten. Fremd.

Und inzwischen? Wir haben ihren Körper über vier Monate mehrere Stunden in der Woche kennen gelernt, und kennen den Menschen, der einmal gelebt hatte doch so überhaupt nicht. In welchen Verhältnissen hat sie gelebt? Hat sie Kinder oder Enkel hinterlassen? Wie hat ihre Familie ihren Tot aufgenommen? Und vor allem: Welche Gründe haben sie dazu gebracht, ihren Körper der Anatomie zur Lehre und zur Forschung und uns für unsere Ausbildung zu überlassen?

Fragen, auf die wir nie Antworten bekommen werden. Auch nicht beim Trauergottesdienst, den wir Studenten am Mittwoch für alle Körperspender gestalten und der den endgültigen Abschluss dieser Lebenserfahrung „Präpkurs“ bilden wird, zu dem auch alle Angehörigen eingeladen sind. Um Danke zu sagen, den Spendern, aber auch den Angehörigen, die nun, nach teilweise ein bis zwei Jahren Ungewissheit, was mit ihrem Verstorbenen gerade passiert, endlich einen Ort zum Trauern und zum sich an die gemeinsamen Jahre Erinnern bekommen werden.